Essen retten

März 2020. Die Corona-Schutzmaßnahmen stellen das Leben für viele Menschen auf den Kopf. Jede und jeder Einzelne muss sich umstellen. Viele vertraute Strukturen brechen weg. Die Gesellschaft wird sich anders organisieren.

Passt es überhaupt, in diesen Zeiten über foodsharing zu schreiben?

Ich finde schon, denn erstens ist dies hier ein Blog, auf dem ich Monat für Monat ehrenamtliches Engagement in Flensburg vorstelle und foodsharing gehört dazu, wenn auch aktuell – aber hoffentlich nur vorübergehend – in eingeschränkten Strukturen. Zweitens ist der verantwortungsvolle und solidarische Umgang mit Lebensmitteln gerade jetzt ein großes Thema. Das passende Stichwort: Hamsterkäufe.

Auch wenn die Zeit vorbei ist, in der Panik und Fehlinformationen Menschen dazu treiben, viel mehr einzukaufen als sie verbrauchen, wird es vermutlich an vielen Stellen Vorräte geben, die ver- und aufgeteilt werden müssen, damit sie nicht in der Mülltonne landen. Foodsharing bietet die Plattform dafür.

Also zum foodsharing, wie es grundsätzlich funktioniert:

Bei meinem Ehrenamtseinsatz im Kulturhof (s. Blogbeitrag November 2019) habe ich beim foodsharing-Frühstück (das im Moment pausieren muss) eine aktive Lebensmittelretterin kennen gelernt und mich mit ihr unterhalten. Anna-Lilja ist seit 2015 ehrenamtlich bei foodsharing aktiv; seit Mai 2019 rettet und verteilt sie in Flensburg. Die Idee, Lebensmittel zu retten, die sonst weggeschmissen werden, finde ich klasse, also habe ich es mir genauer angeguckt.

Wer beim foodsharing mitmachen möchte, hat – abgestuft nach Verantwortung und Organisationsgrad – mehrere Möglichkeiten: Foodsharer*innen können privat Essenskörbe anbieten oder Lebensmittel von Fair-Teilern oder Privatanbietern abholen. Wer Lebensmittel selbst direkt bei Kooperationsbetrieben retten möchte, die sonst entsorgt werden würden, wird Foodsaver*in. Voraussetzungen sind ein erfolgreich absolviertes Wissensquiz zu Hygieneregeln von foodsharing, Umgangsformen untereinander und die Zusammenarbeit mit den Kooperationsbetrieben sowie drei Probeabholungen unter Anleitung von anderen Foodsaver*innen. Sind beide Bedingungen erfüllt, wird das mit einem Foodsaver-Lichtbildausweis dokumentiert, der bei jeder Abholung vorgezeigt wird.

Als Foodsaver trägt man sich online für eine Gruppe ein und dann im Kalender für eine Abholung – wo gerade ein Platz frei ist und wie es individuell gerade passt. In Flensburg gibt es aktuell sechs Abholtermine in der Woche. Mindestens zwei Foodsaver sollten dabei jeweils als Team vor Ort sein. Die geretteten Lebensmittel werden zu Fair-Teilern und Ausgabestellen gebracht – oder selbst verbraucht.

Noch mehr Verantwortung übernehmen Betriebsverantwortliche und Botschafter*innen, die das foodsharing auf Betriebs- oder Regionsebene organisieren. Auch abseits der Rettungseinsätze werden immer Menschen gebraucht, zum Beispiel für Öffentlichkeitsarbeit und Infokampagnen.

 „Die essen ja Müll“, ist wohl eines der bekanntesten Vorurteile gegen Foodsharer, und ich gebe zu, ein bisschen gewöhnungsbedürftig fand ich den Gedanken anfangs auch. Aber mal ehrlich: Ich lasse mein frisch gekauftes Brot auch zuhause mal ein paar Tage liegen und esse es trotzdem noch. Und ich esse auch mal einen Sojajoghurt, der sein Mindesthalbarkeitsdatum überschritten hat. Schließlich kann ich riechen, schmecken und sehen, ob er noch ok ist.

Definiert man Müll als alles, was Betriebe oder andere Menschen wegschmeißen, stimmt es, dass Foodsahrer Müll essen. Aber nur, weil etwas weggeschmissen wird, ist es nicht schlecht oder ungenießbar – und das ist wohl die Vorstellung, die die meisten Menschen mit dem Begriff „Müll“ verbinden. Spätestens nach meinem ersten foodsharing-Frühstück aus geretteten Lebensmitteln und meiner ersten Abholung bin ich überzeugt: foodsharing ist eine super Möglichkeit, sich ehrenamtlich zu engagieren und dazu beizutragen, dass genießbare Lebensmittel nicht weggeworfen werden. Nebenbei profitiere ich natürlich auch selbst davon: Die geretteten Lebensmittel entlasten unsere Haushaltskasse – und ich haben einen noch bewussteren Umgang mit Lebensmitteln, die ich mir kaufe.

Kontakt: flensburg@foodsharing.network; allgemeine Infos: www.foodsharing.de