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Ehrenamt mit Gänsehautmomenten

…beim TSB und dem „Lauf ins Leben“

„Ein Hoch auf uns, auf dieses Leben. Auf den Moment, der immer bleibt …“ Die Stimme von Andreas Bourani schallt aus den Bühnenlautsprechern. Es ist 13 Uhr, nicht ganz Halbzeit für meinen heutigen Engagement-Tag. Der diesjährige „Lauf ins Leben“ – ein Spendenlauf zugunsten der regionalen Beratungs- und Unterstützungsangebote der Schleswig-Holsteinischen Krebsgesellschaft – ist gerade offiziell gestartet. Und es ist definitiv einer der Gänsehautmomente des Tages, als ich mich mit über 500 Menschen in Bewegung setze.

Margot Neumann, die TSB-Mitarbeiterin vom Orgateam, die heute meine Haupt-Ansprechpartnerin ist, hat mich mitgenommen. „Die erste Runde sind wir auch vom Orgateam immer dabei“, sagt sie. Gemeinsam spazieren wir auf einer abgesteckten, provisorischen Laufbahn um den Vereins-Sportplatz an der Eckener Straße. Die erste Runde gehen alle, ganz vorne die Betroffenen und Ministerpräsident Daniel Günther. Danach wird gelaufen oder gegangen, geschlendert oder gesprintet – je nach eigenem Vermögen. 22 Stunden lang werden immer Menschen auf der Bahn sein, die Nacht durch und dann wieder in den neuen Tag hinein. Sie wechseln sich in Teams ab. Die Mannschaften haben schon im Vorlauf Spenden gesammelt oder Sponsoren für jede gelaufene Runde geworben.

Aber jetzt einmal von Anfang an: Ich hatte mich mit meinem Projekt schon vor einigen Monaten per Mail beim TSB Flensburg vorgestellt, einem der größten Sportvereine Schleswig-Holsteins. Die Rückmeldung kam prompt: Beim „Lauf ins Leben“ würden immer viele Freiwillige gebraucht. Ob ich dazu Lust hätte? Klar! Am Samstag war es dann soweit. Als ich mich morgens um halb zehn in der Geschäftsstelle melde, sind die meisten aus dem TSB-Team schon seit etlichen Stunden auf den Beinen. Mein Einsatzort ist das Versorgungszelt. Hier werde ich von Anfang an in ein gut organisiertes, die ganze Zeit über motiviertes und einfach herzliches Helferteam aufgenommen. Die Tische haben sie bereits liebevoll eingedeckt – für das Betroffenen-Frühstück.

Es ist mir unangenehm als ich merke, dass ich ein bisschen Angst habe vor diesem Frühstück. Gleich werden hier Menschen sitzen, von denen viele Chemotherapie und Bestrahlung noch vor oder schon hinter sich haben. Menschen, die den Kampf gewonnen haben, und vielleicht auch Menschen, die damit rechnen, bald zu sterben. Natürlich weiß ich, dass Krebs nicht ansteckend ist. Trotzdem ist da diese Angst, dass die Betroffenen Themen in mein Leben schieben, die ich gern so schnell wie möglich wieder wegschieben möchte. Ich weiß, dass Betroffene durch so eine Einstellung im schlimmsten Fall gesellschaftlich isolieren werden. Ich gebe mir besonders Mühe, als ich die Aufschnittplatten für das Buffet vorbereite und frage mich sofort, ob ich das nur aus schlechtem Gewissen mache.

Und dann kommen die ersten und ich merke: Da kommt kein beängstigendes Thema, da kommen Menschen. Und die freuen sich einfach auf ein Frühstück in netter Gemeinschaft. Und sie haben Hunger und Durst. Ich stehe an der Kaffeemaschine, fülle Brötchentabletts auf, dekoriere neue Käse- und Wurstplatten, fühle mich einfach nur wohl und würde mich am liebsten einfach dazusetzen. Eine fröhliche Frühstücksrunde – trotz einiger existentieller Gesprächsthemen.

Auch später, als das Versorgungszelt allen Läufern und Besuchern offensteht, ich mit den anderen aus dem Team abwechselnd die Kaffeemaschinen aus dem Wasserkanister nachfülle, Kaffee koche, Kuchenstücke verteile und kassiere, gibt es sie immer wieder, diese besonderen Momente. Zum Beispiel, als eine Frau sich riesig freut, als sie das letzte Stück „schwarzen Peter“ ergattert. Ihre Mutter habe diesen Kekskuchen immer gebacken, erzählt sie. „Sie hat den Kampf vergangenes Jahr verloren“, sagt sie, als ich ihr den Pappteller reiche. „Seitdem esse ich immer gern ein Stück davon, wenn irgendwo eines angeboten wird.“

Mein Einsatz beim „Lauf ins Leben“ wird mit Sicherheit ein ganz besonderer in meinem Ehrenamtsjahr bleiben: Es ist ein Einsatz, der beweist, wie viel – und in diesem speziellen Fall auch wie viele Menschen – Ehrenamtliche mit ihrem Engagement bewegen können, für mich ist es ein Ehrenamt mit vielen Gänsehautmomenten und eines, das noch viel länger nachwirkt als der Muskelkater vom Tragen der Wasserkanister.